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VMware-Lizenzen: Was kleine Umgebungen wirklich zahlen

Die vielzitierte 72-Kern-Regel wurde nie wirksam — Broadcom hat sie zurückgenommen. Die Verteuerung bleibt trotzdem. Was tatsächlich gilt und welche Wege bleiben.

Wenn Sie in den letzten Monaten gelesen haben, dass VMware neuerdings eine Mindestabnahme von 72 Kernen verlangt, dann haben Sie eine Meldung gelesen, die nicht mehr stimmt. Sie stand im Frühjahr 2025 in zahlreichen Fachbeiträgen, sie steht bis heute in Anbieterblogs und Vertriebsunterlagen — und sie war schon wenige Tage nach der Ankündigung wieder vom Tisch.

Das ist keine Kleinigkeit, denn mit der falschen Zahl rechnet man sich einen Schaden aus, den man nicht hat, und trifft auf dieser Grundlage eine Migrationsentscheidung. Deshalb zuerst die Richtigstellung, dann das, was tatsächlich teuer ist.

Was mit der 72-Kern-Regel passiert ist

Ende März 2025 berichteten mehrere Fachmedien unter Berufung auf Distributoren, die Mindestabnahme pro Abonnement steige von 16 auf 72 Kerne, gültig ab dem 10. April 2025. Für kleine Umgebungen wäre das einschneidend gewesen: Ein Betrieb mit zwei Achtkern-Hosts hätte 72 Kerne lizenziert und damit 56 Kerne Luft finanziert.

Dazu kam es nicht. Broadcom hat die Ankündigung Anfang April 2025 zurückgenommen — Borns IT-Blog dokumentierte den Vorgang am 8. April, heise meldete die Rücknahme am 10. April. Rückblickend war die Information entweder fehlerhaft oder galt nur für die Preisliste einzelner Distributoren, nicht für das Lizenzmodell.

Die Meldung hat sich trotzdem verselbstständigt, weil die Rücknahme deutlich weniger Aufmerksamkeit bekam als die Ankündigung. Wenn Ihnen also jemand mit 72 Kernen rechnet — ein Anbieter, ein Fachartikel, ein Beratungsangebot —, fragen Sie nach dem Datum der Quelle.

Was tatsächlich gilt

Maßgeblich ist eine Mindestabnahme von 16 Kernen je Prozessor. Hat eine CPU weniger Kerne, werden trotzdem 16 lizenziert. Hat sie mehr, wird jeder Kern lizenziert, aufgerundet auf die nächste gerade Zahl.

Entscheidend ist das Wort je Prozessor. Die Schwelle gilt nicht einmal für Ihre Umgebung, sondern für jede einzelne CPU — und vervielfacht sich damit mit der Anzahl Ihrer Sockel:

Ihre Hardwaretatsächliche Kernelizenzpflichtig
1 Server, 1 CPU, 8 Kerne816
2 Server, je 1 CPU, 8 Kerne1632
3 Server, je 2 CPUs, 12 Kerne7296

Zum Selbernachrechnen: Der VMware-Kernrechner zeigt Ihnen in zwei Minuten, wie viele Kerne Sie bezahlen, ohne sie zu besitzen — und auf Wunsch, was das mit dem Preis aus Ihrem eigenen Angebot bedeutet.

Der Aufschlag ist geringer als die kolportierten 72 Kerne, aber er ist real, und er trifft ausgerechnet die kleinen Prozessoren, die in mittelständischen Umgebungen üblich sind.

Was seit der Übernahme wirklich teuer geworden ist

Broadcom hat VMware Ende 2023 übernommen. Die Verteuerung kommt nicht aus einer einzelnen spektakulären Regel, sondern aus dem Umbau des Modells — und der ist für kleine Umgebungen in Summe gravierender als die Zahl, über die alle geredet haben:

Aus Kauf wurde Miete. Dauerlizenzen mit optionalem Wartungsvertrag gibt es nicht mehr. Wer die Zahlung einstellt, verliert das Nutzungsrecht — nicht nur den Support. Das verändert die Natur des Postens: aus einer einmaligen Investition mit planbaren Wartungskosten wird eine dauerhafte Verpflichtung.

Aus vielen Produkten wurden wenige Bündel. Die früher fein abgestufte Produktpalette ist weitgehend in zwei Pakete überführt worden: VMware vSphere Foundation und das umfangreichere VMware Cloud Foundation. Wer nur einen Hypervisor braucht, bekommt trotzdem das Bündel — mit Komponenten, die in einem Betrieb mit fünfzehn virtuellen Maschinen niemand einschaltet.

Aus Sockeln wurden Kerne. Abgerechnet wird pro Prozessorkern statt pro CPU-Sockel. Für sich genommen ist das nachvollziehbar, denn moderne Prozessoren haben sehr unterschiedlich viele Kerne. In Verbindung mit der Mindestabnahme wird daraus aber ein Aufschlag für alle, die kleine CPUs betreiben.

Wer den Verlängerungstermin verpasst, zahlt 20 Prozent Aufschlag — rückwirkend auf den Verlängerungswert. Ein vergessenes Datum wird damit zu einem vierstelligen Betrag, und zwar bevor die neue Laufzeit überhaupt begonnen hat.

Auch der Weg über den Partner wird enger

Viele kleinere Betriebe haben VMware nie direkt gekauft, sondern über einen Dienstleister oder als Teil einer gehosteten Umgebung bezogen. Auch dieser Weg verengt sich: Broadcom hat im Januar 2026 angekündigt, das VMware-Cloud-Service-Provider-Programm in Europa zu beenden.

Der europäische Cloud-Verband CISPE hat daraufhin im März 2026 eine Wettbewerbsbeschwerde bei der EU-Kommission eingereicht. Der Verband wirft Broadcom vor, bestehende Verträge einseitig und mit kurzer Frist zu kündigen und Lizenzbedingungen durchzusetzen, die kleinere Anbieter aus dem Markt drängen — in einzelnen Fällen sei von einer Verzehnfachung der Kosten die Rede.

Das ist die Darstellung eines Interessenverbands, nicht ein festgestellter Sachverhalt, und der Ausgang des Verfahrens ist offen. Für Ihre Planung ist aber schon der Umstand relevant, dass Ihr bisheriger Bezugsweg möglicherweise wegfällt, unabhängig davon, wer am Ende recht bekommt.

Rechnen Sie Ihre eigene Zahl aus

Bevor Sie über Alternativen nachdenken, brauchen Sie drei Angaben. Ohne sie ist jede Diskussion Spekulation:

  1. Wie viele Kerne haben Ihre Hosts tatsächlich? Nicht Sockel, nicht Threads — physische Kerne pro Prozessor, mal Anzahl der Prozessoren, mal Anzahl der Hosts.
  2. Wann läuft Ihre Lizenz aus? Das Datum bestimmt, wie viel Zeit Sie haben. Und es ist das Datum, an dem die 20-Prozent-Regel greift, wenn Sie es verstreichen lassen.
  3. Was steht im aktuellen Angebot Ihres Lieferanten? Fordern Sie ein konkretes Verlängerungsangebot an, bevor Sie planen. Pauschale Steigerungsfaktoren aus Fachartikeln — auch aus diesem — ersetzen keine Zahl auf Ihrem Tisch.

Erst wenn diese drei Angaben vorliegen, lässt sich beurteilen, ob Handlungsbedarf besteht. Möglicherweise stellt sich heraus, dass die Steigerung für Ihre Größe verkraftbar ist. Dann ist Bleiben die richtige Entscheidung, und Sie haben sie bewusst getroffen statt aus Trägheit.

Die vier Wege

Bleiben. Unterschätzt und oft richtig. VMware funktioniert, Ihr Team kennt es, Ihre Sicherungs- und Überwachungswerkzeuge sind darauf abgestimmt. Wenn die Mehrkosten tragbar sind, ist eine Migration teurer als die Lizenz — Arbeitszeit, Risiko und Einarbeitung eingerechnet. Bleiben heißt aber nicht abwarten: Legen Sie sich den Verlängerungstermin auf Wiedervorlage.

Microsoft Hyper-V. Naheliegend, wenn ohnehin überwiegend Windows läuft und Windows-Server-Lizenzen vorhanden sind. Der Hypervisor ist Teil dessen, wofür Sie bereits zahlen. Die Verwaltung ist eine andere Welt als der vCenter-Server, und einige Komfortfunktionen fehlen oder heißen anders. Für kleine, Windows-lastige Umgebungen ist es der Weg mit der kürzesten Lernkurve.

Proxmox VE oder XCP-ng. Quelloffene Plattformen mit optionalem Support-Vertrag. Hochverfügbarkeit, Live-Migration, Snapshots und Sicherung sind ohne Funktionsstaffelung enthalten — es gibt keine teurere Ausbaustufe, in die man hineinwachsen müsste. Der Preis dafür ist eigene Kompetenz: Sie brauchen jemanden im Haus oder an Ihrer Seite, der Linux und Netzwerke versteht. Wer das hat, bekommt hier die größte Ersparnis.

In die Cloud. Wenn die virtuellen Maschinen ohnehin überwiegend Standardanwendungen ausführen, kann der Betrieb bei einem Anbieter günstiger und einfacher sein. Aber prüfen Sie das nüchtern: Laufende Cloud-Kosten sind selten niedriger als abgeschriebene eigene Hardware, und Datenschutz, Anbindung und Ausfallsicherheit bekommen neue Bedeutung. Die Cloud löst ein Lizenzproblem nicht automatisch, sie tauscht es gegen ein anderes Kostenmodell.

Wann Sie besser nichts tun

Ein Wechsel lohnt sich nicht in jedem Fall, und das offen zu sagen gehört dazu:

  • Wenn eine Branchenanwendung ausdrücklich VMware voraussetzt. Manche Hersteller unterstützen nur zertifizierte Plattformen. Der Support-Verlust kann teurer sein als jede Lizenz.
  • Wenn niemand die neue Plattform betreuen kann. Eine Umgebung, die nach der Migration niemand versteht, ist ein größeres Risiko als eine teure Rechnung.
  • Wenn die Hardware ohnehin in absehbarer Zeit ersetzt wird. Dann gehören Plattformentscheidung und Beschaffung zusammen, statt zweimal hintereinander umgebaut zu werden.
  • Wenn Sie unter Zeitdruck stehen. Eine Migration am Tag vor dem Verlängerungstermin ist keine Migration, sondern ein Notfall. Verlängern Sie dann lieber einmal teuer und planen Sie in Ruhe.

Woran Sie merken, dass es ernst wird

Einige Anzeichen sprechen dafür, dass Sie das Thema nicht ins nächste Jahr schieben sollten: Ihr bisheriger Lieferant kann Ihnen kein Verlängerungsangebot mehr machen. Das Angebot, das kommt, enthält Komponenten, die Sie nie bestellt haben. Die Vertragslaufzeit ist plötzlich mehrjährig statt jährlich. Oder Ihr Ansprechpartner wechselt von einem regionalen Partner zu einem Vertriebsteam, das Ihren Betrieb nicht kennt.

Was noch offen ist

Ehrlicherweise: Einiges lässt sich derzeit nicht seriös beantworten.

Wie das Verfahren bei der EU-Kommission ausgeht und ob es die Lizenzbedingungen verändert, ist nicht absehbar. Ob Broadcom die Mindestabnahme künftig erneut anhebt, ebenfalls nicht — der Versuch von 2025 zeigt immerhin, dass solche Änderungen auch wieder zurückgenommen werden können, wenn der Widerstand groß genug ist. Und wie hoch Ihre Steigerung ausfällt, hängt von Ihrer Ausgangslizenz, Ihrer Vertragsstruktur und Ihrem Lieferanten ab. Die Zahlen, die durch Fachmedien und Anbieterblogs geistern, reichen von einer Verdreifachung bis zur Verzehnfachung. Diese Spanne ist so groß, dass sie für Ihre Planung wertlos ist.

Deshalb der wichtigste Satz dieses Artikels: Holen Sie sich ein konkretes Angebot, bevor Sie irgendetwas entscheiden.

Fazit

Die Verteuerung bei VMware ist real, aber sie sieht anders aus als die Schlagzeile, die am meisten zitiert wurde. Nicht eine Mindestabnahme von 72 Kernen treibt den Preis, sondern das Bündel, das Abonnement und eine Mindestabnahme von 16 Kernen je Prozessor, die kleine CPUs systematisch benachteiligt.

Das heißt nicht, dass jeder wechseln muss. Es heißt, dass die Entscheidung bewusst fallen sollte, mit drei Zahlen auf dem Tisch: tatsächliche Kerne, Verlängerungsdatum, konkretes Angebot. Wer diese drei kennt, kann in einer halben Stunde entscheiden. Wer sie nicht kennt, entscheidet am Verlängerungstag — und dann entscheidet die Frist, nicht das Unternehmen.


Quellen: heise: Broadcom nimmt die 72-Kern-Mindestlizenz zurück · Borns IT-Blog zur Rücknahme · The Register zur ursprünglichen Ankündigung · CISPE zur Wettbewerbsbeschwerde gegen Broadcom

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